Sonntag, März 07, 2004

eBay und BA versteigern Arbeitslose

Der erste April-Scherz in diesem Jahr - und wie ich fast auf ihn hereingefallen wäre

Sonntag. 7. März. Ich lese in der InternetWorld und traue meinen Augen nicht: Das muß eine Zeitungsente sein ... Im Heft 04/2004 ist unter den Branchennews auf Seite 15 zu lesen, daß das Arbeitsamt ab 01.04.2004 Dienstleistungen wie Ferien- oder Schwangerschaftsvertretungen bei eBay versteigern will. Versteigert werden sollen Empfänger des "Arbeitslosengeldes II". Das Projekt sei in der Testphase auf 20 eBay-Citys begrenzt. Der eBay-Einstiegspreis zur Versteigerung solle sich am MINIMALLOHN inklusive der anfallenden Sozialabgaben orientieren. Bei Zuschlag muß der Arbeitslose innerhalb von 14 Tagen den Job antreten, anderenfalls werde ihm das Arbeitslosengeld um bis zu 30 Prozent gekürzt.

Nun ist es nicht das erste Mal, daß Arbeitskraft bei eBay angeboten und versteigert wird. Aber ich sehe hier einen entscheidenden Unterschied: Der Jobsuchende hat selbst entschieden, seine Arbeitskraft dort anzubieten. Als Publicity-Gag, um öffentlich auf seine Lage aufmerksam zu machen? Wie dem auch sei, sobald jedoch Menschen andere Menschen versteigern, dann ist das in meinen Augen unmoralisch.

Zumutbarkeitsregelung hin und her. Aber sind unsere Arbeitslosen Vieh, das man auf dem Markt verhökert? Verkauft für den Minimallohn - denn wo keine Arbeit ist, wird es bei einer Versteigerung nicht viele Mitbieter geben. Muß sich ein Langzeitarbeitsloser wirklich alles gefallen lassen?

Meine Empörung schlägt Wellen ... Das soll am 01. April losgehen ... Das kann nicht wahr sein!

Das dort abgebildete Foto ist köstlich: Am Gebäude des Arbeitsamtes prangt unter dem A-Symbol in leuchtenden Farben das Logo von eBay. Und davor die allseits bekannten Schlangen Arbeitsloser. :-)

Soso, am 1. April geht das los. Ist das ein April-Scherz? Aber wir haben doch heute erst den 7. März ... Allerdings hat sich das Arbeitsamt nicht zum ersten Mal Pannen geleistet. Ein besonders krasses Beispiel ist dieses, wo eine junge Frau vom Arbeitsamt aufgefordert wird, sich als Fotomodell zur Verfügung zu stellen. Und das ist online nachzulesen, noch heute, am 07. März.

Mir glühen die Ohren. Ich will mehr darüber wissen und google. Denn wo bleibt eigentlich der empörte Aufschrei, der sonst bei jedem Furz der Politiker durch die Tagespresse geht? Im Internet ist zu dem geplanten Zusammenspiel von eBay und BA bisher noch nichts zu finden. Eine Verschwörung? Will man mal wieder alles vor der Öffentlichkeit geheimhalten, um das Volk an der Basis schließlich vor vollendete Tatsachen zu stellen? Bin ich, die kleine verkannte Tippse, jetzt auf einen ganz großen Skandal gestoßen? ;-)

In den Foren, wo die Betroffenen ihren Unmut über die gegenwärtige Arbeitsmarktpolitik äußern können, z.B. www.arbeitszwang.de und www.chefduzen.de, ist die Nachricht vom Arbeitsamt-Deal noch nicht angekommen. Weil das von denen da oben geheimgehalten wird? ;-)

Bei immer weniger Vertrauen in die Politik ist es leider so, daß man anfängt, alles für denkbar zu halten - und klingt es noch so abenteuerlich. Zudem ist die InternetWorld für mich kein Revolverblatt, was "mal so auf die Schnelle" eine Zeitungsente produziert, um die Auflagen zu steigern. Schon eher einen Aprilscherz ... ;-)

Die Tagesschau und Telepolis lassen die Meldung der InternetWorld realistisch erscheinen ...

Für zwei - drei Wochen wegen Urlaubsvertretung mal wieder Arbeitsluft schnuppern, das mag ja angehen. Man freut sich als Arbeitsloser wahrscheinlich sogar über die Abwechslung, auch wenn es keine feste Arbeit und die Bezahlung schlecht ist. Aber Schwangerschaftsvertretung? Für ein Jahr womöglich? Zwangsarbeit in einer Firma, die den Arbeitssuchenden ersteigert hat? Die die Arbeitskraft wie eine Zitrone auspressen und danach wegwerfen darf? Wer prüft, ob die Firma seriös ist und welche Arbeitsbedingungen dort herrschen? (Wie ist das Betriebsklima? Wird gemobbt?)


Hm - heute haben wir den 07. März. Die Meldung ist in der InternetWorld 04/2004 erschienen. Und starten soll die Aktion am 01. April ... Zeitschriften veröffentlichen ihre April-Ausgabe neuerdings oft bereits Anfang März ... - Es war ein Aprilscherz der InternetWorld, ein gelungener dazu - denn dieser Scherz hat den Finger auf eine ganz tiefe schmerzende Wunde gelegt. Wie wenig (Noch-)Arbeitende und Arbeitslose miteinander solidarisiert sind, kann man in einer Umfrage auf www.netzmuetze.de sehen:



Nun ist die Netzmütze satirisch angelegt und insofern mit einem Augenzwinkern zu lesen, aber das Ergebnis der Umfrage gibt trotzdem zu denken. Meinungen wie "auf jeden Fall" und "wenn sie nicht zu teuer sind" stimmen mit dem dummen Gequatsche in vielen Talkshows überein, wo die Arbeitslosen allesamt als faule Schmarotzer der Gesellschaft hingestellt werden. Die nur dann einen Finger krumm machen würden, wenn sie dafür am Monatsende mehr in der Lohntüte sehen als "du und ich" (und mal ehrlich, unser bißchen Geld für diese tägliche Mühle ist sauer verdient).

Je länger ich über diesen Aprilscherz nachdenke, umso besser finde ich ihn ...

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