Dienstag, März 22, 2005

Die Gruselecke von Berlin

Meine Arbeitsstelle befindet sich nur wenige Meter davon entfernt. Mittags komme ich oft an diesem Platz vorbei und bedauere die amerikanischen Touristen, die in ihren Reisebussen hingekarrt werden, damit sie dieses Denkmal der Teilung Berlin, der Teilung Deutschlands bestaunen können. Mein Bedauern, daß sich die Armen den Check-Point Charlie ansehen müssen, würden sie aber nicht teilen: Sie empfinden das anders, für sie ist das ein geschichtsträchtiger Ort, und der Anflug von Grusel bei dem Gedanken, daß hier der Übergang in den anderen, von den bösen Kommunisten regierten Teil der Stadt war, paßt vielleicht ganz gut ins Weltbild.

Für mich ist der Check-Point Charlie immer ein häßlicher Ort gewesen: laut, schmutzig, ohne sehenswerte Architektur. Aber ich akzeptiere, daß dieser Ort als ehemaliger Grenzübergang zwischen Ost und West mit Recht im Gedächtnis der Menschen bleibt. Am Wärterhäuschen posieren als russische und amerikanische Soldaten verkleidete Berliner mit den Staatsflaggen beider Nationen für die Kameras der Touristen, die Besucher lassen sich mit ihnen auch gern fotografieren. Na ja, das ist Geschmackssache ... (Ich würde auch gern mal ein Indianerreservat in Amerika besuchen, wenn die Eingeborenen ein Pow-Wow für Touristen veranstalten.)

Aber man läßt sich in Berlin leider immer wieder etwas Neues "einfallen", damit der Platz um den Check-Point Charlie herum noch häßlicher wird. Erst waren es diese unsäglich geschmacklosen Holzkioske, die an einen Jahrmarkt erinnerten. Lauter Freßbuden. Lief wohl nicht so richtig - die meisten wurden wieder abgerissen. Dafür kam "Das Größte Gästebuch der Welt": In fehlerhaftem Englisch wird den Touristen angeboten, sich - gegen einen Obolus, versteht sich - im "größten Gästebuch der Welt" zu verewigen und so "die Jahrtausende zu überdauern". In Berlin ist man eben erfinderisch, wenn es darum geht, durch "Berlin-Marketing" Arbeit für sonst brotlose Künstler zu beschaffen.

Gästebuch


Aber seit Oktober vergangenen Jahres ist der Check-Point Charlie um eine weitere "Attraktion" reicher geworden. Und das ist nun etwas, worüber ich mich wirklich ärgere: An der Zimmerstraße wurde wieder eine Mauer errichtet, und davor unzählige schwarze Holzkreuze. Jedes Holzkreuz steht für einen Toten, der den Versuch, in den Westen zu fliehen, mit dem Leben bezahlen mußte.

Maueropfer


Ohne Zweifel, das ist entsetzlich! Aber ist das ein Grund, ihnen ein Denkmal zu errichten unter dem Motto: "Sie wollten nur die Freiheit!" - ?

Freiheitskämpfer? Nein, das waren die wenigsten von ihnen. Sie wollten, aus welchen Gründen auch immer, die DDR verlassen. Oft aus einem verschwommenen Glauben heraus, daß es ihnen im Westen besser gehen würde. Sie wußten um das Risiko. Sie gingen es ein. Sie verloren. Ob sie sich dabei Gedanken machten, was aus denen wurde, die sie in der DDR hinterließen? Ob sie sich bei ihrer Flucht mit den Kindern im Schlauchboot Gedanken machten, daß auch ihre Kinder das Leben verlieren könnten, wenn sie untergehen? Sie haben, jedenfalls viele, mit dem Risiko gespielt. Verdienen sie deshalb ein Denkmal? Die "Schüsse an der Mauer" waren Mord und sind nicht zu entschuldigen, aber ebensowenig verdienen es die Opfer, postum zu Freiheitskämpfern hochstilisiert zu werden.

Ich habe in der DDR gelebt. Daß sie ein "Unrechtsstaat" wäre, wie es auf den Tafeln vor den Holzkreuzen nachzulesen ist, habe ich so nie empfunden, obwohl ich eigene Konflikte erlebt habe. Das Denkmal für die Maueropfer beschmutzt mit den Haßtexten auf den Tafeln zugleich das Andenken an einen Staat, der untergegangen ist. Es beschmutzt das Andenken an mein Land, in dem ich einigermaßen glücklich gelebt habe.

Ich hoffe, dieses seltsame "Denkmal" teilt bald das Schicksal der abgerissenen Freßbuden ...

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